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Pressebericht
Annette Bremeyer, Hannover
Von der Säuglingskrippe zur modernen
Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung
Die „Evangelische Jugendhilfe Hermann Bödeker e.V." in Hannover
"Ach, das ist ein Kinderheim, das habe ich gar nicht gemerkt", so lauten
häufig erstaunte Reaktionen vieler Passanten in der hannoverschen
Friesenstraße, wenn sie erfahren, dass sich in dem gelben zweistöckigen
Haus eine Jugendhilfeeinrichtung mit fünf Wohngruppen verbirgt. Dies ist
tatsächlich erst auf den zweiten Blick zu erkennen, und dann am besten
im Winter, wenn kein rankendes Efeu den traditionsreichen Schriftzug "Evang.
Säuglings- und Kinderheim Bödeker-Krippe" bedeckt. Mit dem Namen wird
Hermann Bödeker gewürdigt. Er war im 19. Jahrhundert Senior (heute
vergleichbar mit einem Superintendenten) der hannoverschen Marktkirche
und sammelte Geld für die Einrichtung eines "Säuglings- und
Kleinkinderheimes mit Krippe und Warteschule". Die Gründung "seiner"
Einrichtung im November 1883 erlebte der Pfarrer jedoch nicht mehr. Vor
120 Jahren wurde das Heim eröffnet und bot Platz für bis zu 60 Kinder im
Alter von 0-3 Jahren, die von Diakonissen der Henriettenstiftung betreut
wurden. Der Kern des Angebotes
In der "Ev. Jugendhilfe Hermann
Bödeker", wie sich die Einrichtung heute nennt, leben zur Zeit 40 Kinder
und Jugendliche. Die jüngeren Mädchen und Jungen im Alter von zwei bis
14 Jahren erhalten in drei Gruppen Familien ersetzende erzieherische
Hilfen. In zwei weiteren Wohngruppen leben Jugendliche ab 14 Jahren.
Jeweils fünf pädagogische MitarbeiterInnen betreuen die Wohngruppe der
Jüngeren, drei pädagogische MitarbeiterInnen sind jeweils für die
Jugendlichen zuständig. Neben einer Diplom-Psychologin, einem
Sozialpädagogen mit dem Aufgabenbereich "Qualitätssicherung" sowie
Verwaltungs- und Hauswirtschaftskräften arbeiten drei Erzieherinnen
zusätzlich gruppenübergreifend in der Nachtbereitschaft.
Die geringe Fluktuation von MitarbeiterInnen zeigt, dass sie sich eng
verbunden fühlen mit "ihrer Bödeker-Krippe". Es ist keine Seltenheit,
dass viele der Einrichtung zehn bis 15 Jahre treu bleiben. Derzeit
gehört die dienstälteste Mitarbeiterin 23 Jahre zum Team. Ehemalige
Bewohnerinnen treffen so auch Jahre nach ihrer Entlassung noch "ihre
Erzieherinnen".
Aus dem früheren Säuglings- und Kleinkinderheim ist im Lauf der Zeit
eine vollstationäre Jugendhilfeeinrichtung mit unterschiedlichen
Angeboten geworden, die sich bei aller Modernität ihrer Tradition
verpflichtet fühlt, die Betreuung aller Kinder und Jugendlichen des
Stadtteils im Blick zu haben. So rief sie beispielsweise als
schulergänzende Maßnahme einen Hort für "Nicht-Bödekers" ins Leben.
Zusätzliche Angebote
"Das vollstationäre Konzept entwickelte sich stets weiter und wird heute
von der sozialpädagogischen Familienhilfe, den flexiblen Hilfen für
junge Volljährige sowie dem hauseigenen Kindergarten ergänzt.
Den internen Kindergarten gibt es erst seit rund drei Jahren. Er
entstand aus der Notwendigkeit heraus, für besonders
förderungsbedürftige Kinder unter sechs Jahren individuelle Angebote
bereitzustellen, da ihnen die Gruppengröße eines Regelkindergartens
nicht zuzumuten ist," beschreibt Heimleiter Lothar Ruck das Angebot und
erklärt: "Nach einer ersten Probephase öffnet der Kindergarten jetzt an
fünf Tagen in der Woche von 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr und steht allen
Kindern der Einrichtung bis zum Schulanfang zur Verfügung. Sobald die
Kleinen dieses Angebot kennen gelernt haben. fordern sie es regelrecht
ein, so dass der Kindergarten auch in den Ferien für sie da ist."
Zwölf Kinder unter sechs Jahren erhalten derzeit vormittags auf der
Basis ihrer individuellen Möglichkeiten eine gezielte Frühförderung und
Elementarerziehung. Geleistet wird diese Arbeit von zwei
Mitarbeiterinnen. die neben dem gruppenübergreifenden Frühdienst
zusätzlich diese Aufgaben wahrnehmen. Das Konzept bietet eine
Vorbereitung auf die Schule in gewohnter Umgebung.
Seit 120 Jahren im Stadtteil verwurzelt
Eingebettet zwischen dem Büro der Kirchengemeinde auf der einen Seite
und der Grundschule auf der anderen Seite, ist die "Bödeker-Krippe" -
wie die Einrichtung von vielen Hannoveranern im Stadtteil Oststadt auch
heute noch genannt wird - tief mit ihrer Umgebung verwurzelt. Dies kommt
seinen Bewohnern zu Gute, denn "Heimkinder" sind dort schon lange nichts
Neues mehr.
"Wir haben sehr gute Erfahrungen mit der benachbarten Grundschule, der
Friesenschule, weil es uns hier schon so lange gibt. Es gab kaum eine
Schulklasse, in der nicht mindestens ein oder zwei Kinder von uns
unterrichtet wurden," sagt Lothar Ruck und ergänzt: "Die Kinder wissen,
wir sind ein Heim, und sie wissen auch, dass man nicht immer stolz
darauf ist, wenn man hier lebt. Damit gehen wir ganz offen um. Dennoch
können sich die BewohnerInnen mit ihrem "Heim" identifizieren, und wenn
wir rufen "Alle Bödekers mal herkommen", dann kommen auch alle Bödekers."
Neben der traditionell engen Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde
engagiert sich der Verein im Stadtteilforum und ist maßgeblich an der
Planung gemeinsamer Projekte beteiligt.
Die Stadtteile Oststadt und List bieten als reine Wohngebiete zahlreiche
Freizeitmöglichkeiten sowie den nahen Stadtwald. Lothar Ruck schildert:
"Wir versuchen, jedes Kind und jeden Jugendlichen davon zu überzeugen,
dass es wichtig ist, mindestens einem Verein anzugehören, beispielsweise
einem Sportverein. Sehr intensiv arbeiten wir als evangelische
Einrichtung mit unserer Heimatgemeinde, der Dreifaltigkeitskirche,
zusammen und gestalten zweimal im Jahr das "Rudi - Rabe - Projekt" in
den Ferien. In der Kirche gibt es dann verschiedene Aktionen für alle
Kinder des Stadtteils, die die Gemeinde zusammen mit Mitarbeiterlinnen
von uns anbietet."
Aber auch Reibereien mit Nachbarn gehören zum konfliktreichen Alltag
einer Jugendhilfeeinrichtung. So gibt es ab und zu Beschwerden aus
gegenüberliegenden Wohnhäusern über die Beschallung mit Rockmusik aus
den Zimmern der Jugendwohngruppen im Dachgeschoss. Ein ständiger
Konflikt, der immer wieder geschlichtet wird und dabei gleichzeitig
ermöglicht, einen angemessenen Umgang des engen Miteinanders im
Stadtteil zu üben. Die Familien
und Eltern gehören zum Setting
Zum Konzept der "Ev. Jugendhilfe Hermann Bödeker e.V." gehört eine
intensive Familien- und Elternarbeit. Ein Ziel der MitarbeiterInnen ist
es demnach, beständige Kontakte zu den bisherigen Bezugspersonen der
Kinder und Jugendlichen aufrecht zu erhalten und zu pflegen. Der
Einzugsbereich für Aufnahmen in die "Ev. Jugendhilfe Hermann Bödeker
e.V." umfasst die Stadt und die Region Hannover. Neben der Lage des
Hauses in der zentrumsnahen Oststadt erleichtert der überschaubare
Einzugsbereich gegenseitige Besuche und Gespräche mit der
Herkunftsfamilie. Darüber hinaus werden die Familien von der Einrichtung
dabei unterstützt, ihre eigene Lebenssituation zu verändern, sofern sie
dies wünschen und zulassen.
Falls kein Kontakt des Kindes zur Familie mehr besteht, vermittelt die
Jugendhilfeeinrichtung nach Absprache mit den Angehörigen
Besuchspatenschaften. Der Kontakt zwischen dem Kind und seinem
Besuchspaten wird von den MitarbeiterInnen beratend begleitet.
120 Jahre sind seit der Einrichtungsgründung vergangen; in denen das
Haus nach Bombenangriffen im zweiten Weltkrieg einmal neu aufgebaut
wurde. Der Neubau wurde 1952 eingeweiht und hat sich seitdem äußerlich
kaum verändert. Hinter den freundlich wirkenden Mauern gab es jedoch im
letzten Jahr erhebliche Veränderungen, schildert Heimleiter Lothar Ruck:
"2002 wurde das Innere des Hauses umgebaut und in neue Wohnbereiche
eingeteilt. Während früher einzelne Kinder auf verschiedenen Etagen im
Haus verteilt untergebracht wurden, können nach dem Umbau alle in
Wohneinheiten zusammen leben. Damit verdeutlichen wir den Kindern auch,
wie sehr wir sie wertschätzen und uns wünschen, dass sie sich hier wohl
fühlen".
Entgegen allgemeiner Trends wurden seit der Eröffnung des Kindergartens
vermehrt auch kleine Kinder aufgenommen, denn das Konzept von
Jugendhilfe mit integriertem Kindergarten überzeugt. Doch die "Ev.
Jugendhilfe Hermann Bödeker" wäre nicht sie selbst. entwickelte sie sich
nicht weiter. Derzeit laufen Vorbereitungen für die erste
Erziehungsstelle der Einrichtung, die in diesem Jahr ins Leben gerufen
werden soll. Sie soll traumatisierten kleineren Kindern ein
überschaubares Sozialisationsfeld geben.
Lothar Ruck blickt optimistisch in die Zukunft, aber wenn er drei
Wünsche für die "Ev. Jugendhilfe Hermann Bödeker" frei hätte, so wäre
dies in einer wirtschaftlich unsicheren Zeit zunächst die finanzielle
Planungssicherheit, gefolgt von dem Wunsch, dass auch die
Herkunftsfamilien intensiver zum Wohl ihrer Kinder mitarbeiten und -
last but not least - ein Gelingen des neuen Projektes
"Erziehungsstellen".
Doch erst mal wird in diesem Jahr gefeiert: Mit einem Sommerfest im Hof
zum 120sten Geburtstag.
Herzlichen Glückwunsch! Annette
Bremeyer, Referentin EREV
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